Michele Platano
 

Bei Recherchearbeiten, die ich im Österreichischen Staatsarchiv Ende 2011 unternahm, befand sich unter den untersuchten Musikalien aus dem Familienarchiv Harrach ein Buch mit den Sonaten für Gitarre von Michele Platano. Dabei muss zunächst festgestellt werden, dass sich in erster Linie Handschriften im Familienarchiv Harrach befinden. Vermutlich wurde das Schriftbild der Gitarrentabulatur als Handschrift gedeutet und somit in diese Sammlung integriert. Es handelt sich bei der Quelle jedoch um ein im Stichverfahren gedrucktes Buch dessen Druckplattenränder deutlich sichtbar sind. Verlegt wurde es bei Ambrogio Rammellati in Mailand 1671.

Nach weiteren Ermittlungen stellte sich heraus, dass Michele Platano in neuerer Zeit völlig unbekannt ist und zu den Musikerpersönlichkeiten gezählt werden muss, die tatsächlich seit ihrem Wirken in Vergessenheit gerieten. Sein Name findet sich weder in den einschlägigen Lexika noch in anderer älterer oder neuerer Musikliteratur. Gewidmet ist das Werk Ranuccio II. Farnese, Fürst von Parma, der zu dieser Zeit eine bedeutende Musikkapelle unterhielt. Ob sich Platano mit der Veröffentlichung eine Anstellung am Hofe in Parma erhoffte, kann vermutet werden. Jedoch steht jedem einzelnen Sonatensatz jeweils ein Titelblatt mit unterschiedlichen Widmungsträgern vor, die wohl zur Finanzierung des Druckes beigtragen haben. Das Werk umfasst insgesamt 10 Sonaten in unterschiedlichen, teils entlegenen Tonarten, zwei davon in einer Skordatur. Es ist gedruckt in der sogenannten gemischten Tabulatur, also italienischer Lautentabulatur im Wechsel mit Akkordsymbolen des Alfabetosystems. Die Sonaten zeugen im Vergleich mit anderen Gitarrenwerken dieser Zeit von durchaus anspruchsvoller Kompositionstechnik eines Gitarristen, der im Buch als „Maestro perfettissimo di Tiorba, Leuto e Chittara“ gelobt wird. Über die Höhe der Auflage sowie die Verbreitung kann nichts genaues gesagt werden, allerdings sind bisher zwei Konkordanzquellen gefunden. Zum einen befinden sich zwei Sätze ohne Angabe des Komponisten, Alemanda und Brando h-moll, in einer handschriftlichen Gitarrentabulatur in der Biblioteca Nacional, Madrid, Sign. M/811. Zum anderen das Preludio a-moll, ebenfalls anonym, im Ms. M.73/691/2 der Biblioteca de Catalunya, Barcelona. Demnach ist zu vermuten, dass Platanos Werk nicht nur in Italien gespielt wurde.


platano kl

 

Foto: © Michael Freimuth

 

 

 

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